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Bruno Sutter Schichtungen und Sedimente in der Galerie Palais Walderdorff in Trier 2008
Eine ausgesprochen reizvolle Ausstellung zeigt derzeit die Gesellschaft für Bildende Kunst.
Schicht um Schicht kann im Palais Walderdorff mit den Augen abtragen, wer sich in die Arbeiten von Bruno Sutter vertieft.
Trier. (er)man kann schon ins Grübeln kommen angesichts der Arbeit von Bruno Sutter. Auf den ersten Blick wirken die Klötze und Streifen aus Holz, Papier und Textil ganz unauffällig. Und auch die serielle Anordnung in einem grossen Wandbild hat man schon gesehen. Doch dann, bei näherem Hinsehen, entdeckt man die Vielfalt der Schichten, die Ordnung in der scheinbar bunten Zufälligkeit. Und je länger man schaut, desto mehr ist man in Anspruch genommen, all diese Schichten zu entziffern, die an Erdschichten und Jahresringe erinnern. Denn nichts anderes als bunte vielfältige Chiffren, die sich zum grossen, ästhetisch sehr reizvollen Gesamtbild - mag sein zur Gleichung - Leben einen, sind die Klötze und Längsstreifen des Schweizer Bildhauers, der von sich selbst sagt, das Gehabe eines Forstmannes, der ja auch mit Jahresringen umgehe. Dem Forstmann mag man bei den Objekten in Trier noch den Forscher hinzufügen, der dem Erdzeitalter und seinen Schichten nachgräbt. Was Menschsein bedeutet, findet sich in ihnen wieder, das bunte schillernde Leben, die dunkle, manchmal zarte, zuweilen rohe Natur. Oben im ersten Stock kommt gar ein poetisches Blau auf, die Farbe der Traumdeutung wie der Traumwanderung.
Sutters Arbeiten betrachten, die gleichermassen Bildschichtung wie Schichtbilder sind, ist ein wenig so wie seine eidgenössischen Schriftsteller-Kollegen Adolf Muschg oder Urs Widmer zu lesen, die fast beiläufig von den kompliziertesten menschlichen Verhältnissen berichten. Es ist fast immer der zweite Blick, der tiefere, der an den Tag bringt, was sich unter der menschlichen Oberfläche verbirgt. Und so ist es auch mit Sutters Blöcken und ihren Schichtungen. Je mehr man sie ergründet, desto mehr findet man sich in ihnen wieder, bekommt gar Lust zum Umschichten und zu neuen Ordnungen. Sutter selbst mag dieses Spiel viele Male gespielt haben!
Alltagssedimente
Bruno Sutter arbeitet mit Holz: Holz in seiner natürlich gewachsenen, zum Baumaterial verarbeiteten oder zu Papier aufbereiteten Form.
Papieren türmen sich die Objekte aus dem Werkzyklus "Sedimente/Schichtungen" in die Höhe, lagern sich in die Breite. Blatt für Blatt. In seinen aktuellen Arbeiten entwickelt der Künstler die organische Formensprache des natürlich gewachsenen Holzes weiter. Den Jahrringen entspricht die verhalten bunte Melodie des rhythmisch geschichteten Papiers.
Und wie die Jahrringe von den Witterungen vergangener Jahre berichten, von Wachstum und Stillstand, dokumentieren die geschichteten Farbklänge unser täglich Papier - sie sind "aufschluss-reiche" Sedimente unseres Alltags.
Im Atelier warten die papierenen Sedimente auf die weitere Bearbeitung: Die zwischen zwei Eisenplättchen gepressten Karton- und Papierstücke - hie und da setzt eine faserige Jute Akzente - wird Bruno Sutter mit der Motorsäge in Form bringen. Je nach Beschaffenheit des Papiers - Leimung, Dichte, Oberflächenbehandlung - schliesst die Motorsäge unterschiedlich ausfasernde oder glatte Flächen auf.
Zeitungsgrau, Tobleronenrot, Stellenanzeigerorange, Telefonbuchweiss oder Kalendergrün komponiert Sutter die Ablagerungen unseres papierverpackten Alltagslebens. Er konserviert Heutiges, speichert es, indem er Papier- und Karton sedimentiert, schichtet, lagert, stapelt. Was wir wissen wollen, worin wir blättern, wonach wir suchen, wie wir unsere Zeit verbringen, wonach uns gelüstet steht zwischen zwei eisernen Buchdeckeln geschrieben. So schafft der Künstler geheimnisvolle Lebensbücher, Sedimentbrocken eines lebendigen Gesteins. Am Ende dieses Werkprozesses steht das Paradoxon einer Vergänglichkeit, die das Kleid steinerner Ewigkeit trägt.
Sarah Pfister, Kunsthistorikerin, Bern
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